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Texte im Katalog
Vom Geheimnis ausbalancierter Formen Zu dem Zyklus „Ball’ Adas“
Wenige Worte klingen im Italienischen und Deutschen so ähnlich wie die Worte für Ball – palla für die Kugel und ballo für das festliche Tanzen –, Ballade (ballata), balancieren (bilanciare) und Ballen (balla), wobei balla außerdem noch Märchen bedeutet.
Gewiss ist es Zufall, aber ein schöner Zufall, denn Ada Pint balanciert elegant zwischen den beiden Sprachen, wie ihre runden Formen auf Papier und Leinwand. Wenn man sie beschreiben sollte, würde man zu Begriffen wie Ballon oder Blase, Findling oder Frucht, Kugel oder eben Ball greifen, auch wenn sie den Bildgegenstand nur annähernd treffen. Denn die zarten Gebilde entziehen sich der verbalen Definition wie der Festlegung: Sie kreiseln, schweben, tanzen, überlagern und verformen sich – schwellen an, dehnen sich aus oder ziehen sich zusammen –, kommen ins Bild und entschwinden. Sie scheinen in ständiger Bewegung zu sein, doch nicht unruhig, sondern harmonisch und sanft. Oder sie senden Strahlen aus, was sie beinahe zu kosmischen Erscheinungen macht.
Gemalt, gezeichnet sind die Formen mit Kohle oder Acryllack auf die Fläche, durch ihre Transparenz oder Oberflächenstruktur, durch ihre Beweglichkeit in sich und vor dem meist monochromen Hintergrund erhalten sie dazuhin eine Räumlichkeit, die durch blaue, Tiefe suggerierende Farbtöne noch verstärkt wird. Tatsächlich meint man gelegentlich, unidentifizierbare fliegende Objekte, Zeppeline, Planeten, Seifenblasen am Himmel oder Muscheln, Steine im Wasser zu erkennen. Himmel und Erde wollte die Künstlerin schon früher zusammenführen …
Ada Pint gibt ihren Bildern bewusst keine Titel, nur ihre Bilderzyklen erhalten seit 1994 Namen: „La Capanna“ (Die Hütte), „Pantalica“ nach der archaischen Grabstätte in der Nähe ihrer Heimat Syrakus, „Gli alberi D’ ADA“ (Adas Bäume), „Rifugi“ (Zufluchten) und schließlich 2004 „Baciata Rossa“ (Rot geküsst). Diese Hinwendung zur Farbe Rot ging einher mit der Abkehr von eckigen, spitzen, zackigen Formen, von Gittern und Barrieren; sie malte nach eigenem Bekunden nicht mehr so „wild und ungezogen“, sondern präziser, wohl auch kontemplativer.
Die seit 2007 entstandenen, oben ansatzweise charakterisierten Arbeiten bilden den Zyklus „Ball’ Adas“, zuerst ausgestellt auf Mallorca und in Bernburg/Saale. Weit voneinander entfernt liegen ihre erste Heimat Sizilien, wo Ada Pint geboren und aufgewachsen ist und den ersten Zeichenunterricht erhielt, und Stuttgart. Seit 1998 lebt sie hier, hat ein Hochschulstudium an der dortigen Akademie der Bildenden Künste absolviert und Kunst unterrichtet.
Ihrer Flexibilität gegenüber Vorgegebenem im Alltag entspricht bei der schöpferischen Arbeit die Auseinandersetzung mit dem Stoff und dem Untergrund: Gern übermalt sie zum Beispiel Postkarten, akzentuiert reizvoll deren Motive oder schafft völlig Neues daraus und empfindet dies selbst als Meditation.
Eine andere Werkgruppe erfordert hingegen bei aller Sinnlichkeit höchste Konzentration: das Bilden von Wachsplastiken. Dieses Material muss erhitzt und verflüssigt werden, um formbar zu sein; weich und warm „gekocht“ wie ein Lebensmittel wird es dann mit Zutaten vermengt und gestaltet. Solch ein runder Wachsball mit einem Durchmesser von bis zu achtzig Zentimetern wirkt zwar wie ein in sich ruhendes Schwergewicht, ist aber jederzeit bereit, in Bewegung zu geraten; seine Substanz ist fragil wie die Ausgewogenheit einer Kugel. Diese scheinbaren Widersprüche sind für Ada Pint spannend und herausfordernd.
Falls jemand glaubt, der Umgang mit warmem Wachs und das Gestalten runder Skulpturen entsprächen eben dem weiblichen Naturell, seien gewissermaßen mütterlich, dem sei entgegnet, dass das Runde (man denke an das Ei, den Augapfel, den Globus) archetypisch ist: Die frühesten, von Menschen geschaffenen Formen waren Schalen – nicht zufällig haben sie auch etwas Sakrales und bergen öfter mal Geheimnisse.
Uneindeutig und geheimnisvoll möchten die Arbeiten von Ada Pint sein, leise fragen, wo hört etwas auf, wo fängt es an, welche Einschnitte und Verletzungen lässt die perfekte Form zu, was umschließt die glatte Hülle? Und natürlich auch: Wie entsteht die Balance und warum tanzt eigentlich der Ball?! Irene Ferchl, Juli 2010
Baciata Rossa
„Es gibt immer einen Weg, eine eigene Welt voll neuer Formen zu schaffen“ Von Giuseppe Spagnulo In ihrer Heimat Sizilien hat Ada Pint bereits im Alter von vierzehn Jahren im Atelier eines Künstlers gearbeitet. Er wurde ihr erster Lehrer. Vor sieben Jahren kam sie nach Deutschland, um in Stuttgart ein Studium an der Kunstakademie zu beginnen. Sie entschied sich für meine Klasse, weil sie hoffte, hier ihren künstlerischen Visionen folgen zu können. Ada Pint vergibt grundsätzlich keine Titel, sie unterteilt ihre Arbeiten in Zyklen. 1994 schuf sie die Reihe "La Capanna" (Die Hütte), die für eine Ausstellung in der St.-Martins-Kirche in Modica gedacht war. Ada Pint war damals Schülerin am Instituto Statale d'Arte in Syrakus in Sizilien. Zwischen 1995 und 1998 formte sie den Zyklus "Pantalica". Pantalica ist eine prachtvolle archaische Grabstätte bei Syrakus, die sich über fünf Berge erstreckt. Für Ada Pint war sie ein geliebter Rückzugsort, den sie so oft wie möglich aufsuchte, um sich von dessen Geschichte, der Landschaft und der wilden Natur inspirieren zu lassen. Die meisten Zeichnungen des Zyklusses hat sie dort gefertigt. Von 1999 bis 2001 entwickelte sie dann "Gli Alberi D'Ada" (Adas Bäume). Ein Projekt meiner Klasse hatte sie inspiriert: Die Aufgabe lautete, auf den Hügeln Sos Paris in der Nähe von Sassari auf Sardinien dauerhafte Skulpturen zu realisieren. Auf den Hügeln mit einer klaren und unendlich scheinenden Aussicht, wo man den Himmel fast mit den Händen berühren konnte, wollte Ada Pint mehr als nur eine Skulptur verwirklichen. Sie wollte Himmel und Erde zusammenführen. "Blätter sind federleichte Seelen, die sterbend neue Kraft erzeugen, die Sterne im Flug erschaffen ...", so sah sie es und realisierte ihre bisher größte Skulptur „Sternblatt“, die zwanzig Meter lang und acht Meter breit ist. Der Zyklus "Rifugi" (Zufluchten) entstand danach. Gemeint ist die Zuflucht vor Einsamkeit, vor Ängsten – auch die Zuflucht vor sich selbst. Die Reihe steht für eine Phase voller Unsicherheit, die aber bald ihr Ende hatte. Für Ada Pint ist es eine Zeit des Nachdenkens gewesen. Seit 2004 sind die Arbeiten dem Zyklus "Baciata Rossa" (Rot geküsst) zugeordnet. Sie wurden und werden von einer neuen Lebenssituation und einer neuen Rolle stark beeinflusst. Zunächst hat sich Ada Pint fast ein Jahr gegen die künstlerische Veränderung gewehrt. Heute lässt sie zu, dass die Schwere der Formen abgenommen hat, sie sind organischer und farbiger geworden – und mit dieser Veränderung hat Ada Pint auch sich selbst verändert. Die Arbeiten entstehen nicht nach Plan, und die einzelnen Zyklen sind keinem festen Zeitrahmen unterworfen. Nur der Prozess der Arbeit steht im Vordergrund des Geschehens, das heißt, der Moment des Malens oder des Zeichnens selbst beeinflusst die Ausdruckskraft und die kompositorischen Zusammenhänge. Ada Pint glaubt an die Kraft der Natur und an die menschliche Fantasie. Ob Objekte, Papierarbeiten oder Leinwände – immer ist ihr die Zeichnung wichtig, nahezu spielerisch setzt sie Materialien wie Graphit und Kohle ein. Zum Malen benutzt sie fast nur Naturpigmente, Mittel, die in unsere Hände gegeben werden, um zu experimentieren, Grenzen auszuloten, Abbildungen zu schaffen. Ada Pints Kreativität speist sich tief aus ihren Gefühlen. "Es gibt immer einen Weg, eine eigene Welt voll neuer Formen zu schaffen", sagt sie. Die Werke der Ada Pint entstehen aus einer kontinuierlichen Suche heraus, aus der Suche nach der komplexen Beziehung von Bewegung und Ruhe und dem Spannungsverhältnis zwischen diesen Ebenen. Zeichnen ist für Ada Pint auch eine Form des Mitredens: Sie bietet dem Betrachter ihre Sicht der Welt an, ihre Sicht der Natur und des Menschen, ihr Sehen und ihr Fühlen.
Ada Pint zeichnetVon Anne Mueller von der Haegen Ada Pint zeichnet. Dies tut sie seit ihrem vierzehnten Lebensjahr. Damals auf Sizilien erhielt sie ersten Zeichenunterricht. Ada Pint suchte und fand Rückzugsorte in der Natur und auf dem Papier. Sie stärkte ihre Ausdruckskraft und wollte nur eines: zeichnen. Später an der Stuttgarter Akademie der Künste erkannte Ada Pint in Giuseppe Spagnulo den richtigen Lehrer und – man wird wohl sagen dürfen – eine verwandte italienische Inselseele. Die Ausbildung bei Spagnulo war stärker vom dreidimensionalen Arbeiten geprägt, dennoch blieb die Zeichnung das eigentliche Ausdrucksmittel und der Grundmodus der künstlerischen Arbeit von Ada Pint. Ada Pint geht mit einem großen energetischen Furor über das Blatt. Bei all dieser Kraft, die in diesen Strichen liegt, meint man, die Maße müssten mindestens wandfüllend sein, und doch sind es in der Regel kleine Formate, die sich die Künstlerin vornimmt. Mit Kohle umreißt sie die Form, gibt der Kontur plastische Schwellkraft mit und setzt spannungsreich eine Gegenform. Farbe tritt hinzu, verleiht Gewicht und Tiefe, setzt einen malerischen Akzent und kann zugleich ein starker Kontrapunkt zur schwarzen Linie werden. Abstrakte Gebilde entwickeln sich und doch spürt man die Nähe zur Natur. Es sind natürliche Grundformen, die wie mikroskopische Detailaufnahmen eines herbstlichen, mit Blättern übersäten Bodens wirken. Man möchte bei manchen Arbeiten auch an Steine denken – sie stoßen aneinander und erzeugen dabei Klänge. Man sieht Formen, die sich feindlich und Formen, die sich freundlich gesonnen scheinen. Immer sind es plastisch drängende Formen von großem Spannungsreichtum, die dynamische Schnelligkeit bergen und dennoch in der Komposition, in Farbe und Linie gebändigt dastehen. Spannung und plastisches Drängen, Anschwellen und Dynamik in den Zeichnungen führen bei Ada Pint dann tatsächlich auch zur Dreidimensionalität. Hier arbeitet die Künstlerin mit Wachs. Wachs steht für Vergänglichkeit ebenso wie für Konservieren, Bewahren. Skulpturen aus Wachs bergen in besonderer Weise Zeit. Hier fügen sie sich zu den Zeichnungen und deren immanenter Geschwindigkeit. Ada Pint schichtet das Wachs. Die sich rundende Form erhält eine besondere Oberfläche, und es ist gerade die Zeichnung dieser Oberfläche, der das Interesse der Künstlerin gehört. So wie die Formen auf dem Papier ins Dreidimensionale drängen, so entwickeln die Kuben in der Zeichnung ihre Kraft. Farbe, Form und Linie überspringen die vermeintlich festgelegten Gattungsgrenzen: Ada Pint zeichnet in der Skulptur und arbeitet plastisch in der Zeichnung.
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